Rudolf Steiner
ein inspiriertes Leben

Rudolf Steiner ist einer der universellsten Geister des 20. Jahrhunderts, von dem heute zahlreiche gedankliche und praktische Impulse ausgehen. Eine kurze Übersicht über markante Elemente seines Lebens und seines Werks.
Rudolf Steiner wird am 27.2.1861 in Kraljevec im damaligen Österreich (heute Kroatien) geboren und wächst an verschiedenen Orten Österreichs auf. Er studiert an der Wiener Technischen Hochschule Mathematik und Naturwissenschaften, daneben Literatur, Philosophie und Geschichte.
Steiner arbeitet an verschiedenen Herausgaben von Goethes Werken mit, wirkt als Privatlehrer bei einer Wiener Familie und später im Weimarer Goethe-Schiller-Archiv. 1891 promoviert er zum Doktor der Philosophie an der Universität Rostock. In dieser Zeit entstehen mehrere philosophische und philosophiegeschichtliche Schriften, unter ihnen auch die Philosophie der Freiheit von 1894. Rudolf Steiner beginnt eine rege schriftstellerische Tätigkeit und gibt verschiedene literarische Zeitschriften heraus. Von 1899 bis 1904 lehrt er an der sozialistisch orientierten Arbeiter-Bildungsschule in Berlin. Ab 1901 beginnt seine Vortragstätigkeit zunächst innerhalb der Theosophischen Gesellschaft, von der er sich 1913 trennt, um in der von seinen Anhängern gegründeten Anthroposophischen Gesellschaft weiter zu wirken. In dieser Zeit wendet sich Steiner sowohl der östlichen Esoterik der Theosophie als auch dem Christentum zu.
Während Steiner mit seiner zweiten Frau Marie von Sievers einen Verlag in Berlin gründet, entsteht in Dornach bei Basel als Zentrum seiner Bewegung ein hölzerner Doppelkuppelbau nach Steiners Plänen: das erste Goetheanum, das 1922 durch Brandstiftung zerstört wird. 1923 wird die Anthroposophische Gesellschaft unter seinem Vorsitz neu begründet, das zweite Goetheanum entsteht. Seit Beginn des Ersten Weltkrieges wendet sich Steiner mehr und mehr politischen, soziologischen und sozialkritischen Fragen zu. Zugleich arbeitet er eine eigene anthroposophische Terminologie aus und entwickelt seine Theorie von Reinkarnation und Karma bis in konkrete Angaben verschiedener Persönlichkeiten hinein.
Im Jahr 1924 entwickelt Steiner eine außergewöhnlich große Vortragstätigkeit zu zahlreichen auch praktischen Lebensgebieten, die er aus Gesundheitsgründen im September 1924 einstellen muss. Er stirbt am 30. März 1925 in Dornach.
Steiner hinterlässt mit seinen vielen stenographisch aufgezeichneten Vorträgen nicht nur ein fast beispiellos umfangreiches schriftliches Werk sondern auch eine gesellschaftliche Strömung, deren Wirkungen auch außerhalb explizit anthroposophischer Institutionen ihre Spuren hinterlassen hat. Nur wenige Theoretiker blicken auf eine so umfangreiche praktische Fruchtbarmachung ihrer Ideen wie Rudolf Steiner. Dennoch wird er im gegenwärtigen akademischen Kanon immer noch weitgehend ignoriert. Nur in den Erziehungswissenschaften und neuerdings der Medizin werden seine Ansätze bisweilen ernsthaft diskutiert. Es ist nicht nur Rudolf Steiner, sondern auch unserer Gesellschaft insgesamt zu wünschen, dass sie Steiner einen angemessenen Platz in den jeweiligen Fachwissenschaften einräumt, statt seine Bearbeitung weitestgehend einem esoterischen Dilettantismus zu überlassen und sich selbst so um die Ideen eines der universellsten Geister des 20. Jahrhunderts zu bringen.
Von Christian Grauer
Christian Grauer ist Autor des Buches „Am Anfang war die Unterscheidung – Eine Theorie des Bewusstseins im Anschluss an Kant, Steiner, Husserl und Luhmann“.
